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"Splendid isolation" (family content) [german]

Posted by fillmore 
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"Splendid isolation" (family content) [german]
February 05, 2005 06:53PM
here is a nice article about the norwegian electro-jazz scene, it mentions supersilent, deathprod, kim h., motorpsycho & trondheim. unfortunately only german.
--alex


[www.taz.de]

Sexy Dörfer
Sind zu viele Elche: Unter dem Motto "Splendid Isolation" widmet sich die diesjährige Transmediale dem Schwerpunkt Skandinavien, besonders dem so genannten Artrockmonsterjazz aus Norwegen
VON ANDREAS HARTMANN

Für Menschen, die irgendwo in der Provinz geboren sind und an der kulturellen Beschränktheit der Provinz zu zerbrechen drohen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie orientieren sich an den Lichtern der Großstadt oder sie ziehen in ihrem eigenen Dorf etwas hoch. Immer wieder kam so interessante Popmusik nicht nur aus urbanen Ballungsräumen, sondern auch aus Kleinstädten, man denke nur an Bristol oder Weilheim. Wer also etwas abseits lebt und aus seiner Randständigkeit kreativ Sinn schöpft, ist kein hoffnungsloser Fall, sondern kann die Entdeckung von morgen sein.

Im Falle Skandinaviens, dem die diesjährige Transmediale unter dem Motto "Splendid Isolation" einen Schwerpunkt widmet, ist es sogar so, dass ein ganzes Länderkonglomerat allgemein als Provinz betrachtet wird: zu viele Elche, zu wenig Einwohner, keine Wolkenkratzer. Popkulturell war diese vermeintliche Abgeschiedenheit jedoch nicht von Schaden. Abba und A-Ha gingen um die Welt, norwegischer Blackmetal ist inzwischen sogar MTV-tauglich, Garagenrockbands aus Europas Norden gelten als die würdigsten "The Stooges"-Erbverwalter, und Elektroniker wie Jimi Tenor oder Pan Sonic haben den "verrückten Finnen" zum Markenzeichen gemacht.

Noch am wenigsten bekannt, dafür aber umso interessanter ist ein neuer Sound, der vor allem aus Norwegen kommt und den man nur dann schlicht "Jazz" nennen sollte, wenn man auch das, was sich in den Achtzigern um die New Yorker Avantgarde-Anstalt Knitting Factory gruppierte, mit "Jazz" als genügend umschrieben betrachtet. Denn bei den meisten der Acts, die vor allem auf den beiden Osloer Labels Rune Grammofon und Smalltown Supersound umtriebig sind, spielen freie Improvisation und Jazz als Orientierungshilfe zwar eine große Rolle, doch vor allem geht es darum, sich gegenüber Elektroakustik, Musique Concrète, neuer elektronischer Musik oder Rock nicht zu verschließen.

Grenzziehungen werden bewusst ignoriert, und allein schon personelle Verstrickungen machen deutlich, dass diese Szene zwischen Oslo, Trondheim und irgendeinem Dorf mit Wikingermuseum sich in alle Richtungen streckt. So spielt etwa Helge Sten nicht nur in der Progrockband Motorpsycho, sondern ist auch verantwortlich für so genannte "Audio Viren" bei Supersilent, einer verspult-psychedelischen elektroakustischen Improv-Combo, deren Auftritt schon jetzt als einer der diesjährigen Transmediale-Höhepunkte gehandelt wird. Unter dem Namen Deathprod ist Sten außerdem verantwortlich für selbst gebastelte Klangabgründe aller Art.

Die bekannteste Combo dieses neuen Norwegen-Sounds, Jaga Jazzist, wird im Rahmen der Transmediale leider nicht auftreten, dafür kommt der renommierteste Trompeter des Landes unter dem Stichwort "Grenzgänger" zur Transmediale: Nils Petter Molvaer. Neben seinem Landsmann Bugge Wesseltoft war er einer der Ersten, der klassischen Jazz mit DJ-Sounds koppelte. So wie Nils Petter Molvaer würde es heute auch Miles Davis machen, heißt es immer wieder.

Doch aufregender als der etwas schöngeistige Petter Molvaer ist eben das, was es auf Rune Grammofon und Smalltown Supersound zu entdecken gilt. Schon rein visuell. So wild wuchernd die Soundästhetik beider Labels ist, so sehr legen sie Wert auf einen optischen Wiedererkennungswert ihrer Tonträger. Kim Hiorthoy, inzwischen gefeierter Grafiker, der selbst Musik auf Smalltown Supersound veröffentlicht, ist vor allem verantwortlich für das schlichte Corporate Design von Rune Grammofon. Jede CD bekommt durch ihn den Wiedererkennungswert eines Merve-Bändchens, das spezielle Design betont so den familiären Zusammenhalt dieser Szene und ist ihr roter Faden. Hiorthoy wird mit ein paar anderen anlässlich der Transmediale die Maria am Ostbahnhof komplett umgestalten.

Die Frage, die bei "Splendid Isolation" implizit gestellt wird, lautet: Hätte diese Musik von Supersilent, Nils Petter Molvaer oder auch Geir Jenssen aka Biosphere, eine Musik, die auch schon Mal "Artrockmonsterjazz" oder "Arctic Ambient" genannt wird, auch woanders entstehen können? Oder ist an dem beliebten Mythos wirklich etwas dran, nach dem in Skandinavien so viele eine Band gründen oder sich mit ihrem Laptop beschäftigen, weil es sonst einfach zu öde wäre, den ganzen Tag Hirsche zu jagen oder in den Fjorden spazieren zu gehen? Braucht es wirklich eine zerklüftete Landschaft, damit eine Musik entstehen kann, die so klingt, wie man sich in der Umgebung einer zerklüfteten Landschaft entstandene Musik ganz allgemein vorstellt?

Das Ziel von "Splendid Isolation" ist es, Klischees in Frage zu stellen, sie aber auch zu affirmieren. Musik ist diesem Verständnis nach also immer noch auch geprägt von ihrem Produktionsstandort, während sie gleichzeitig mithilfe Neuer Medien und globaler Vernetzungsmöglichkeiten ortlos zu sein scheint. Sie ist Ausdruck all der segensreichen Aspekte von Globalisierung und funktioniert im Falle der neuen Sounds aus Skandinavien so: Man nehme alles von überall her und bastle daraus unter Einbezug des Eigenen etwas völlig Neues. So erinnern Supersilent an den Jam-Charakter, der in der Londoner Improv-Szene üblich ist; und doch ist es wahrscheinlich mehr als eine Projektion, wenn jemand in einer Rezension schreibt, ihr Sound würde "an die wilde Schönheit norwegischer Gletscherflüsse" erinnern.

Termine unter www.transmediale.de

taz Berlin lokal Nr. 7582 vom 4.2.2005, Seite 25, 181 Zeilen (Kommentar), ANDREAS HARTMANN
Re: "Splendid isolation" (family content) [german]
February 09, 2005 11:26AM
Supersilent Review:

[www.berlinonline.de]
Mittwoch, 09. Februar 2005
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Das wahre Jazzfest
Der Club Transmediale hat sich zur interessantesten Konzertreihe Berlins entwickelt

Jens Balzer

Vergesst das Jazzfest und die MaerzMusik. Der Club Transmediale ist die aufregendste musikalische Reihe der Stadt: so vielseitig und zugleich so konzeptuell klar durchgeformt, so mutig in der Auswahl der Künstler und zugleich so klug massenbegeisternd wie gegenwärtig kein anderes Festival in Berlin. Und das gilt - was vielleicht das Allererstaunlichste ist - nicht mehr nur für die Tanzveranstaltungen des Clubs, sondern auch für die Konzerte, auf die er sich zusehends konzentriert.

Gewiss, schon das Wochenende war ein Vergnügen: in der Breakcore-Stroboskopkammer konnte man zum allerneuesten elektronischen Laptop-Speed-Metal pogen, während nebenan im Großen Saal Drew Daniel alias The Soft Pink Truth schwulen House mit Falsettgesang und Videobildern strippender israelischer Soldaten kombinierte. Seit dem Sonntag ist der Saal klassisch bestuhlt, doch was man dort nun erleben kann (noch bis einschließlich morgen), ist ebenso erstaunlich wie der Auftakt: denn mit seinem diesjährigen Skandinavien-Schwerpunkt hat der Club Transmediale, der einmal als reines Festival für elektronische Musik begann, nichts anderes als das interessanteste Jazzfest auf die Beine gestellt, das in Berlin seit langem zu sehen war.

Jazz? Ja, natürlich; auch wenn dieses Wort vielleicht vielen nicht passt, die in den letzten Jahren mit elektronischer Musik sozialisiert worden sind.Aber das Interessante und ästhetisch Vorausweisende an der skandinavischen Szene ist ja - wie in den letzten Tagen wieder eimal zu erleben war - gerade die vorurteilsfreie Weise, in der elektronisch und akustisch arbeitende Künstler, avantgardistische Lärmer und publikumsgefällige Popmusiker einander zuhören und miteinander arbeiten - die Selbstverständlichkeit, mit der so unterschiedliche Figuren wie die Experimentalsängerin Maja Ratkje (am Dienstag), der aus der Neuen Musik kommende Klangkonstrukteur Gei r Jenssen (am Sonntag) oder der gefällige Ambient-Posaunist Nils Petter Molvaer an einer gemeinsamen, genre-übergreifenden Aufgabe arbeiten: der klanglichen und kompositorischen Renovierung der populären Musik insgesamt.

Dabei ist es dann auch egal, ob man das verhangene Spiel des Szene-Vaters Molvaer mag oder nicht; als charts-tauglicher Impresario hat er vielen anderen skandinavischen Künstlern zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen, die ihn in der Qualität ihres Schaffens weit überragen. Zum Beispiel dem Quartett Supersilent, das am Sonntagabend auftrat: Ståle Størlokken, Arve Henriksen und Jarle Vespestad haben unter dem Namen Veslefrekk als Free-Jazz-Trio begonnen; seit 1998 musizieren sie gemeinsam mit dem Elektroniker Helge Sten, der unter dem Namen Deathprod finsteren Industrial komponiert, aber auch schon als Gastknirpsler mit der wunderbaren Folksängerin Sidsel Endresen zu hören war (letztes Frühjahr etwa im Quasimodo). Bei Supersilent lässt er das Theremin hauchen und einen prähistorischen Moog-Synthesizer brummen; mit seinen ebenfalls spontan auf Posaune, Orgel und Schlagzeug improvisierenden Kollegen erzeugt er die süßesten Klänge und den dicksten Lärm. Wie sich das Quartett am Sonntagabend aus Cecil-Taylor-artigen Blockakkorden und stolpernd beginnendem Schlagzeugspiel allmählich zu einer gewaltigen, gleichtaktig pulsierenden Krachmaschine verschweißte: das war schon ein äußerst erhebender Moment.

Bei Supersilent zeigte sich so auch am klarsten, was die Freunde des Jazz und die Freunde der elektronischen Musik von den Skandinaviern lernen können: dass es nur gemeinsam weitergeht. Wenn sich der elektronischen Musik irgendwo ein Feld zur Erneuerung und Erweiterung der Perspektiven auftut, dann in der elektroakustischen Improvisation; und wenn der jazztypische Gedanke der musikalischen Improvisation, die Technik des spontanen Aufeinander-Reagierens, heute noch Vitalität und Frische besitzt, dann in der Aneignung elektronischer Mittel.

Fragt sich nur, was eine Veranstaltung, die das erkannt hat, überhaupt noch mit der erschlaffenden elektronisch-orientierten Club-Kultur zu tun haben kann - und mit einem Festival wie der Transmediale, das diese Club-Kultur lange Zeit wie einen kleineren Koalitionspartner neben sich duldete. Für die Veranstalter des Clubs stellt sich die Frage inhaltlich ebenso wie organisatorisch: Drei Jahre lang hat sie der Hauptstadtkulturfonds mehr schlecht als recht finanziert; nach dessen Statuten ist eine weitere Förderung nun aber unmöglich. Soll man sich also tieferreichend mit der Transmediale verstricken? Oder nach völlig neuen Bündnispartnern umsehen?

Im Gespräch betonen die Veranstalter den "Netzwerkgedanken" und die unbezweifelbaren historischen Verdienste der Club-Kultur und der Medienkunst; ganz will man die Brücken offenbar noch nicht abbrechen. Die musikalische Fährte, die der Club in diesem Jahr ausgelegt hat, weist allerdings klar in die andere Richtung - zurück auf die klassische Konzertbühne, zum konzentrierten Zuhören, zur in sich geschlossenen Improvisation.

Tatsächlich hat der Club mit seinem diesjährigen Programm ganz die Aufgaben übernommen, für die eigentlich das Jazzfest da wäre - schmorte dieses nicht so selbstgefällig im Gremien- und Subventionssaft. Schon auffällig, dass der Skandinavien-Schwerpunkt in der Maria um so vieles interessanter ist als jener, den Nils Landgren 2001 für das Jazzfest zusammenstellte. Und dass die elektronische oder elektroakustische Improvisation seit der Amtsübernahme Peter Schulzes aus dem Weltbild des Jazzfests vollständig verschwunden ist - ersetzt durch einen öden Bigband-, Blues- und Bebop-Klassizismus -, haben wir an dieser Stelle schon des öfteren beklagt.

Muss man erwähnen, dass Schulze und sein Festspiele-Chef Joachim Sartorius in der Maria an keinem Abend gesehen wurden? Vielleicht würde es dem Jazzfest und den Musikveranstaltungen der Berliner Festspiele im Ganzen aber doch helfen, fänden sich ihre Organisatoren auch dort einmal ein, wo musikalisch tatsächlich etwas passiert.
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