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review in notes # 121 - april 2006 - german

Posted by norman 
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norman
review in notes # 121 - april 2006 - german
April 09, 2006 03:00PM
notes april 2006 / #121

kontinuität und wandel

"es gibt menschen, die es gerne sehen, wenn ihre lieblingsband "sich treu bleibt" und in verstörender regelmässigkeit praktisch diesebe platte immer und immer wieder herausbringt.


solche menschen sind keine fans von motorpsycho, denn seit nunmehr 17 jahren bringt das norwegische trio zwar fast jedes jahr ein neues album oder eine ep heraus, doch die veränderung und die wandlungsfähigkeit einer band lässt sich fast nirgends so eindrucksvoll und stets geschmackssicher beobachten wie bei motorpsycho. die band aus trondheim, die sich über die jahre eine fast schon beängstigend treue und aufmerksame anhängerschaft in ganz europa erspielen konnte, hat verstanden, das kontinutät und wandelbarkeit in dieser schnelllebigen und kurzatmigen branche namens musikindustire gleichermassen von nöten sind, um über einen so langen zeitraum bestand zu haben. allerdings kümmern sich motorpsycho nur herzlich wenig um die machenschaften und gepflogeheiten der kulturindustrie und verzichten auch gerne mal auf promotermine und gespräche mit journalisten, wodurch sie schon seit jeher die authentizität spendene aura der existentialistischen künstler, die allein auf ihr schaffen fukussiert sind, umgibt.

nach den eher rumpligen ungestümen und vielleicht etwas überambitionierten anfängen der band entwickelte man sich stetig hin zu dichteren instrumentierungen, breiteren und komplexeren klangflächen und ausgefeilteren arrangements. diese hinwendung zur komplexität ging jedoch stets einher mit der öffnung für feine pop-sensibiltäten, die sich vor allem am 2000er album "let them eat cake"- dem zweifellos eingängigsten und scnörkellosesten album der band - festmachen lässt. mit dem psychedelischen "phaenerothyme" war die band dann, was epische strukturen und vielschichtige instrumentierungen inklsuive streicher-, bläser -und tastenarrangements sowie unzählige rückgriffe in die errungenschaften der 60er und 70er jahre anging, an einem endpunkt angelangt. mehr ging quasi nicht mehr, ohne dabei unweigerlich in eklig klebrige prog-gefilde abzurutschen und letztlich in die belanglosigkeit des egozentrischen muckertumszu enden.da erscheint es nur kosequent, dass die band einen gang zurückschaltete und die einfachen und direktern ideen wieder für sich entdekcte. erstes anzeichen dafür war die in sich ebenfalls und stets durchdachte 2002er platte "it´s a love cult", die zwar immer noch mit genügend ausladenden entwürfen daherkam, jedoch fokussierter und kompakter wirkte als der herrlich verspielte vorgänger.

a new beginning

mit ihrem neuen doppelalbum "black hole/blank canvas" kehren motorpsycho nun zur viel gescholten einfachheit zurück, wobei dies angesichts eines doppelalbums auf den ersten blick wie ein widerspruch anmuten mag. auf dieser platte findet die band jedoch wieder zum rock als eindeutigem bezugspunkt zurück. dies mag klangästhetische beziehungsweise künstlerische gründe haben oder aber schlicht einer gewissen notwendigkeit geschuldet sein, denn nach dem ausstieg des langjährigen schlagzeugers hakon gebhardt im februar letzten jahres waren bent saether und hans magnus ryan plötzlich zum duo geschrumpgt. gebhardt nach so langer zeit einfach zu ersetzen, schien unmöglich und stand sowieso ausser frage, und so entschieden sich die beiden übrig gebliebenden protagonisten nach reiflicher überlegung, das album alleine einzuspielen. und das ist in diesem zusammenhang durchaus wörtlich zu nehmen, denn im gegensatz zu den vorherigen alben sind bis auf einen song namens "you lose" tatsächlich nur ryan und saether zu vernehmen, wobei sich letzterer in beachtlicher manier für den ausgefallenen schlagzeug-part verantwortlich zeichnet. so bezog man ein par monate später mit pieter kloss dessen studio the void in eindhoven und begann mit den aufnahmen der siebzehn songs, deren grundgerüst zu beginn der session immer noch gehörig wackelte.nicht nur in menschlicher, sondern auch in künstlerischer hinsicht stellt dieses album ein neuanfang für die band dar, die sich nach drei relativ ruhigen jahren, in denen man lediglich mit einem seitenprojekt namens "the international tussler society" in erscheinung trat, laut, rau und ungeschliffen und doch stets feinsinnig zurückmeldet. motorpsycho sind ja hingänglich als ausgesprochende perfektionisten und detailverliebte tüftler bekannt, die für die sechs- bis achtstündige disziplinierte proben mindestens fünf mal die woche nicht der ausnahmefall, sondern die regel sind und die auch im vorfeld einer albumproduktion so gut wie nichts dem zufall überlassen. alles songs sind für gewöhnlich bis ins kleinste arrangiert, durchgeplant und festgelet. da bleibt wenig raum für improvisation, für spontaneität und instnkt, doch gerade diesen raum haben sich motorpsycho mit diesem über 90minütigem album durch ihr gewagtes loslassen erschaffen.

dem anachronismus zum trotz

das ergebnis hört sich fraglos wieder einmal fantastisch an, und erneut haben es motorpsycho geschafft, sich nicht zu wiederholen, sondern sich ein weiteres mal neu zu erfinden. sicherlich kann man der band immer einen gewissen anachronismus vorwerfen, der sich aus den zahlreichen zitaten speist, die sich aus verschiedenen elementen der rock-musik- speziell der 60er und 70er jahre- zusammensetzen. diese bieten zweifellos wieder eine grosse angriffsfläche, doch wer so argumentiert, versteh diese band nicht wirklich. denn das rekontextualisieren verschiedender stilistiken und einflussgrössen war schon immer ein implizites anliegen der band, wobei sich auch das programmatisch betitelte "black hole/blank canvas" nahtlos in diese tradition einreiht. einzelne songs herauszugreifen macht wie bei jedem anderen motorpsycho album wenig sinn, den die alben wirken als ganzes, als kohärente einheit, die auch als solche rezipiert werden sollten. diese nachwievor ungemein faszinierende und beeindruckende band versteht es wie kaum jemand sonst, so etwas wie zeitlose musik zu kreiren, wobei die unmöglichkeit dieser aussage gerade die stärke der musik motorpsychos ist. auch als duo sind die norweger fast unantastbar, denn dichtere und mitreissendere rock-songs, die kopf und herz gleichermassen ansprechen, gab es soch viel zu lange nicht mehr zu vernehmen."

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